Kurt Klader

ACHT UND NEUNZIG SEITEN / Eva Beresin
 Charim Events / 10. September – 10. Oktober, 2015
Schleifmühlgasse 1, 1040 Wien

Eine Publikation von Eva Beresin bildet die Grundlage ihrer Ausstellung in der sie unbenannte, nicht mit
Titeln versehene Malereien, zeigt. Die Namenlosigkeit der Gemälde verweist auf Unnennbares, das
diese Arbeiten thematisch bestimmt. Die Malereien sind jedoch nach einem Farbcode geordnet und
identifizierbar, der durch die Abfolge von Farben in diesem Buch, ein Ordnungsprinzip festlegt. Die
Gemälde selbst zeigen hauptsächlich Portraits und Szenen aus der noch unbeschwerten Jugend ihrer
Mutter, die in Budapest studierte. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im März 1944 reiste sie zu ihrer
Familie nach Guyla, ihrer Geburtsstadt nahe der rumänischen Grenze. Von dort wurde sie nach
Auschwitz und anschließend ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Aus der Zeit nach der
Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 existiert ein Tagebuch, das nun Eva Beresin zum
Gravitationszentrum einer künstlerisch gestalteten Auseinandersetzung wurde. Sie begann die bereits
verblassende Schrift im Tagebuch ihrer Mutter nachzuzeichnen, jeden Buchstaben, Seite um Seite.
„Der unwiderstehliche Wunsch, dieses Heft lesbar zu machen, kam erst nach ihrem Tod im Jahr 2007.
Irgendwann im Winter 2012 kippte ich hinein, und es ließ mich nicht mehr los. Das Berühren ihrer
Schrift, meine Bewegungen beim Nachziehen ihrer verblichenen, beinahe schon in der
Papiermaserung verschwundenen Schriftzüge, wurde wichtiger, als die Re-Konstruktion des Inhalts.
Mir wurde klar, dass das Eintauchen in diesen langen Prozess die intensivste Nähe bedeutete, die ich
je zu meiner Mutter empfunden habe.“

Das Nachschreiben öffnet einen Raum des Empfindens und Nachdenkens, in dem Fragen Gestalt
annehmen. Die möglichen Antworten liegen aber oft im Abseits eines Unnennbaren, das durch die
Erfahrung des Holocaust und der damit einhergehenden Sprachlosigkeit begrenzt wird. Und dennoch
drängen sich Fragen auf: „Kann man, darf man einem Kind die eigene Geschichte und die
Schicksalsschläge ersparen oder ist man verpflichtet, diese zu teilen? Sind sie auch Schicksal des
Kindes? „ (...) „Obwohl beide Eltern uns ihre Geschichte ersparen wollten, wirkt die Phantasie stärker
als reale Bilder. Woher kamen diese Bilder, die mich schon als Kind quälten?“

Die Wirkungsreste dieser Menschheitskatastrophe, schreiben sich durch Generationen hindurch fort
und bewegen das Denken und die Vorstellungen der Nachgeborenen. Wie um das Unnennbare
aufzuzeigen, den Bann zu brechen, eignet sich Eva Beresin diesen Teil ihrer eigenen Familien-
geschichte an. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die sie als Installation gestaltet, unter
Verwendung eines Stoffes, dessen Mustervorlage ihre Mutter während ihres Studiums entworfen hat.
Eva Beresin ließ nach diesem Entwurf einen Stoff weben und entwickelte einen „Schiwa Hocker“,
dessen Sitzfläche auch mit eben jenem Stoff bespannt ist. Während des Schiwa Sitzens, einem
jüdischen Trauerritual der Abschiednahme, um sich ganz dem Gedenken an die Verstorbenen zu
widmen, sitzen Trauernde nicht auf normalen Stühlen, sondern auf niedrigeren Hockern. Diesen
Hocker, wie auch einen verdeckten Spiegel, hat sie eigens für diese Ausstellung entworfen, um in
symbolischer Form zentrale Elemente des Gedenkens darzustellen. Sie werden zu Kunstobjekten;
einerseits um den Gestus der Nachbesinnung aufzunehmen, und um andererseits als formale
Elemente in das Ausstellungsganze integriert zu werden.

Eva Beresin ließ sich berühren, physisch gleichsam, indem sie den Bewegungen ihrer Mutter folgt, den
Duktus ihres Schreibens in ihren Körper aufnehmend, um ihn späterhin in eine malerische Sprache des
Zeigens umzuformen. Das Malen lässt sich in diesem Zusammenhang auch als Abfolge von
Berührungsgesten der Künstlerin verstehen, die ihren eigenen Empfindungen gelten, um auch sich
selbst nahe zu sein. Dabei folgt sie den Fliehkräften der Wahrnehmungen und Phantasien, die keine
Flucht mehr sind, sondern einen Weg bahnen, der auch als Reise und Heimkunft in die Gegenwart und
jetzige Lebensrealität von Eva Beresin verstanden werden kann.