Eva Beresin

DIESES KLEINE rostbraune Heft mit der verblassten Handschrift meiner Mutter wurde in
der Familie aufbewahrt, seit ich denken kann. Es war für mich immer schon ein Relikt aus der Vergangenheit. Ich fühlte, dass es voll von Trauer und Geheimnissen ist. Als ich ein Kind war, war es in
der obersten Lade ihrer Biedermeierkommode versteckt. Einige Male versuchte ich es heimlich zu lesen. Bis vor kurzem schien es unmöglich.

Das Heft enthält Notizen, die meine Mutter ab Mai 1945, mit 23, Jahren, niedergeschrieben hat, kurz nach ihrer Befreiung durch die Rote Armee. Sie war damals, nach ihrer Deportation nach Auschwitz und Ravensbrück, auf dem langen Weg nach Hause.

Der unwiderstehliche Wunsch, dieses Heft lesbar zu machen, kam erst nach ihrem Tod im Jahr 2007. Irgendwann im Winter 2012 kippte ich hinein, und es ließ mich nicht mehr los. Das Berühren ihrer Schrift, meine Bewegungen beim Nachziehen ihrer verblichenen, beinahe schon in der Papiermaserung verschwundenen Schriftzüge wurde wichtiger als die Re-konstruktion des Inhalts. Mir wurde klar, dass das Eintauchen in diesen langen Prozess die intensivste Nähe bedeutete, die ich je zu meiner Mutter empfunden habe. Jedes Wort, das zum Vorschein kam, berührte mich tief und machte mich neugierig auf mehr. Ich konnte nicht aufhören, obwohl ich inhaltlich nichts fand, das ich nicht schon geahnt oder gewusst hätte. Die Alltäglichkeit, das »nichts Besondere«. Ein langer »Spaziergang« – schließlich war sie schon »frei«, und dann noch diese sieben Monate des Heimwegs. 210 Tage, über 5000 Stunden weiterhin im Ungewissen, ohne Privatsphäre, mit den Bildern im Kopf, dem Verlust menschlicher Würde und dem ständig gegenwärtigen Schicksal anderer Menschen rundherum. Die Ungewissheit, ihre verlorene Familie jemals wiedersehen zu können, und immer wieder die Frage, ob sie noch am Leben sind, ob ein Wiedersehen überhaupt
möglich ist, ob sie jemals wieder alle zusammen an einem Tisch sitzen würden ... Gerade diese Alltäglich- keit, dieses nichts Besondere der Aufzeichnungen schockierte und erschuütterte mich.

Wie einfach, wie banal, ... keine Vorstellung davon, was passieren wird, keine Phantasie der Welt reicht aus, um zu ahnen, wozu Menschen fähig sein würden. Ich versetze mich in ihre Situation: Ich werde deportiert.
Durch dieses Projekt möchte ich Antworten finden. Eine von Millionen Menschen, die eingeschüchtert wurden, die sich nicht organisieren und wehren konnten und in den Tod marschieren würden.
Kann man, darf man einem Kind die eigene Geschichte und die Schicksalsschläge ersparen oder ist man verpflichtet, diese zu teilen? Sind sie auch Schicksal des Kindes?

Das Schicksal meiner Mutter ist auch ein Teil meines Lebens. Sie erzählte nicht und ich stellte ihr nie Fragen, wir wollten einander nicht damit belasten.
Obwohl beide Eltern uns ihre Geschichte ersparen wollten, wirkt die Phantasie stärker als reale Bilder. Woher kamen sonst diese Bilder, die mich schon als Kind quälten? Die unentwegte, sehr reale Vorstellung, wie ich selbst in so einer Situation handeln würde. Was täte ich, wenn solches meinem Kind und Menschen, die ich liebe, die mir nahestehen, passierte?

Diese Angst schnürte mir den Atem ab.

Wie wäre die Welt heute, ohne den Holocaust? Gab es jemals in der Geschichte ein Ereignis, das die Welt so nachhaltig verändert hat? Und was, wenn man selbst ein Teil dieser Ereignisse ist – ein Opfer? Ist die Zahl der Opfer ausschlaggebend für das Ausmaß einer Katastrophe?
Ist meine jüdische Identität nur durch den Holocaust definiert? Tatsache ist, dass er mich immer mehr einholt.
Der Umstand, befreit zu sein, aber dennoch in Gefangenschaft zu verharren, ist kaum vermittelbar. Die damit verbundene Gefühlswelt ist außergewöhnlich. Der Wirklichkeit steht die Sehnsucht nach der eigenen Vergangenheit, die sich für meine Mutter aber vollständig aufgelöst hatte, gegenüber. Ihre Aufzeichnungen zeigen sie mir befreit, mit hunderttausenden Anderen auf dem Weg ins Unbekannte.

Voller Zweifel und gleichzeitig zuversichtlich, war sie von Menschen umgeben, die auch Peiniger und plötzlich selbst auf der Flucht waren. Sie traute niemandem, dachte an eine verlorene Welt, die sich weit weg anfühlte, kaum erreichbar und doch nah. Die Albträume, während sie Typhus hatte – absurd, doch auch lustig und voller Hoffnung, und dann das Erwachen im russischen Spital in Deutschland.
Ihre Beobachtungen der Natur, die krass im Widerspruch zu ihrem Leben standen. Die prachtvollen Blumenwiesen, die sie in dieser Vielfalt noch nie wahrgenommen hatte. Üppig wachsende Gemüsepflanzen, die sie aus Gärten, die von deutschen Frauen bewacht wurden, stehlen mussten, Beschreibungen von Mahlzeiten. Wie kann die Natur so verschwenderisch gedeihen bei so viel Elend und Tod rundherum? Wie kann die Natur so viel Gleichgültigkeit besitzen?

Die Sehnsucht nach ihrem Vater, dem kleinen Bruder und ihrer großen Liebe. Die Ungewissheit, ihre Lieben wiedersehen und spüren zu dürfen.

Im italienischen Lager kurze Momente der Unbeschwertheit auf Tanzfesten, die von den Befreiten organisiert wurden, ihr innerer Konflikt, ob sie sich diese Augenblicke des Glücks überhaupt erlauben darf. Sie wollte mit ihrer Mutter sein, sie fühlte sich am besten in ihrer Gegenwart. Dann aber doch auch der Wunsch, etwas zu erleben. Hinterfragen, ob das überhaupt möglich ist: das Leben danach.
Ihre Zeilen klingen beherrscht, hoffnungsvoll, zynisch, manchmal sogar auch sehr witzig. Die Beschreibung von Diebstählen, die sie als ein legitimes »Organisieren« verstand: Lebensmittel, Bücher, Kunstwerke, verschiedene Gegenstände und alles, was sie schleppen konnte. Die Freude daran, ihren Peinigern etwas wegnehmen zu können, ein Stück ihres verlorenen Schicksals dadurch zurückzubekommen. Verhaltensmuster, die für ein gutbürgerliches Mädchen vorher undenkbar gewesen sein müssen.

Ihre Gedichte sind ihre Flucht aus ihrer gegenwärtigen Realität. Überraschend, wie lieblich, sehnsüchtig,
aber auch kitschig und manchmal an Banalität grenzend sie da stehen. In meinen immer wiederkehrenden Gedanken sehe ich sie am Boden liegen, in Fetzen gewickelt, schlafend.

Die formale Verbindung zwischen ihrer Schrift, ihrer Geschichte und meinen Arbeiten: »Berührung«, »Nachziehen«, »Abzug«. Der Zugang auf künstlerischer Ebene eröffnete sich mir durch die kreative Arbeit
meiner Mutter. Die Modernität ihres Textilentwurfes, den ich fand, machte mir sowohl den privaten als auch den beruflichen Aspekt ihres Lebens deutlich. Ich traf eine 23-jährige, junge Frau, die eigenständig in Budapest lebte und auf einer Kunstschule studierte. Sie liebte Kunst, Literatur und Design, war stylish und modern. Sie war gerade sehr verliebt und voll von Plänen und Hoffnungen. Von einem Tag zum anderen löste sich ihre Welt, die Selbstverständlichkeit ihres Lebens auf.

Wie kann ich ihre Geschichte durch meine Figuren und Gesichter darstellen? Bilder oder Objekte in den Raum stellen? Etwas abdecken? Die Arbeiten zerschneiden, zerreißen und als Collagen neu zusammen- setzen? Ist ihre Geschichte, und wie sie sich gefühlt haben musste, durch meine Figuren und Gesichter überhaupt darstellbar? Schließlich entdeckte ich Fotos, die 1943 entstanden waren und ihre noch heile Welt vor der Deportation nach Auschwitz zeigen. Dadurch wurde mir klar, was ich erzählen möchte. Ich habe diese Schwarz-Weiß-Fotos in Malereien um- und in Farben übersetzt, die in meiner Vorstellung waren.
Ich setzte außerdem ihre Idee des Grundmusters ihres Textilentwurfes in einen Rapport um, verwandelte die kleinste Einheit in einen Stoff, den ich weben ließ. Aus diesem entwickelte ich eine Installation aus einem »Schiwa-Hocker« und der Abdeckung eines Spiegels, die das Ende ihrer unbeschwerten Welt symbolisiert.