Univ.-Prof. Mag. Dr. Dirk Rupnow

Zur Eröffnung von ACHT UND NEUNZIG SEITEN / Eva Beresin
Charim Events / 9. September 2015
Schleifmühlgasse 1, 1040 Wien

Liebe Eva, liebe Myriam Charim, liebe Patricia Kahane für die Initiative Respekt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich freue mich wirklich sehr, heute hier ein paar Worte an sie richten zu dürfen. Sie fragen sich aber vielleicht: Warum spricht ein Historiker bei der Eröffnung einer Kunstausstellung? Zumal, wenn es sich um eine so intime Arbeit wie die von Eva Beresin handelt. Sie stellt im Kern eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Erfahrungen ihrer Mutter dar, die lange Zeit in der Familie beschwiegen wurden, geradezu einen nachgeholten Dialog zwischen Tochter und Mutter, ist also familiär und äußerst privat.
Im Grunde handelt es sich ja nicht um eine Arbeit, sondern um ein äußerst komplexes Projekt, das aus mehreren Teilen besteht, die aber unbedingt zusammen gesehen werden müssen, wie sie hier auch präsentiert werden: Der Annäherung von Eva an das lange bekannte, aber tabui-sierte Tagebuch ihrer Mutter, das jetzt übersetzt vorliegt; der Prozess der Lesbarmachung des Textes, den Eva als Moment der größten Nähe zu ihrer Mutter bezeichnet; den Fotografien der Mutter aus der Zeit vor ihrer Deportation; dem Stoff, mit dem die Wand bespannt ist und aus dem auch die Schiwa-Hocker gestaltet sind, nach einem Entwurf der Mutter; die Bilder, die nach den Fotografien der Mutter gemalt sind; und schließlich den Text von Eva, der ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Mutter beschreibt und reflektiert.

Die Intimität von Evas Arbeit wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass sie jetzt öffentlich ist und mit ihnen geteilt wird. Eva beschreibt sie in ihrem Text, der nicht einfach nur ein Kata-logtext oder Beiwerk ist, sondern ganz wichtig ist für das Verständnis ihrer Arbeit und vor allem ihres Arbeitsprozesses. Dieser Kern der Arbeit bleibt aber letztlich unantastbar und un-zugänglich für Außenstehende. Die Geschichte von Evas Mutter hat allerdings auch eine all-gemeine Bedeutung jenseits des Familiären, die nicht zuletzt in diesem Gedenkjahr – 70 Jahre Kriegsende 1945 – besonders relevant ist und die es in Erinnerung zu rufen gilt. Auch dieser Aspekt ist Eva sehr wichtig, wie ich weiß. Er erfordert hier den Historiker.

Ich möchte daher im Folgenden einige Punkte hervorheben, die mir besonders wichtig er-scheinen.
Zunächst einmal gilt es den Rahmen der Geschichte von Evas Mutter zu bedenken: Der Holo-caust an den Juden in Ungarn – das so genannte „letzte Kapitel“ der Gesamtgeschichte des von Deutschen und Österreichern mit ihren Komplizen ins Werk gesetzten Genozids an den europäischen Judenheiten.
Die Politik des Horthy-Regimes in Ungarn war lange Zeit äußerst ambivalent: Aus eigenem Antrieb antisemitisch, schon seit dem Numerus clausus für jüdische Studierende 1920, blockierte es aber lange Zeit eine Deportation der ungarischen Juden, vermutlich als Rückversicherungsstrategie gegenüber den Alliierten. Dem deutschen Einmarsch in Ungarn im März 1944 folgte aber ein Sondereinsatzkommando unter Adolf Eichmanns Leitung, das bereits in ganz Europa eine mörderische Routine gewonnen hatte und auch auf die notwendige Kollabo-rationsbereitschaft heimischer Kräfte bauen konnte.

Dieses letzte Kapitel wurde zeitlich zum gedrängtesten und – aus Sicht der Täter – effizientesten Teil des gesamten Holocaust. Es belegt nicht zuletzt auch die Konsequenz des Mordvor-habens der Nazis, das sie auch noch im Angesicht ihrer Niederlage unerbittlich vorantrieben. Zwischen Mai und Juli 1944 wurden aus Ungarn fast 450.000 Menschen hauptsächlich nach Auschwitz deportiert, davon wurden schätzungsweise 80% sofort in den Gaskammern ermordet, also mehr als 10.000 Menschen pro Tag. Insgesamt scheinen in der Statistik des Holocaust über 500.000 ungarische Opfer auf.

Der Massenmord an den ungarischen Juden hat auch das Bild vom Holocaust und von Auschwitz nachhaltig geprägt. Sie alle kennen diese Bilder: vom „Entladen“ der Deportationszüge an der Rampe im Lager Birkenau, die überhaupt erst für die ungarischen Juden gebaut wurde, um sie schneller in die Gaskammern führen zu können; von der Selektion durch die SS-Ärzte; von einzelnen Menschen wie der alten Frau mit den kleinen Kindern auf dem Weg in ihren Tod, der Frau im hellen Mantel, die irritiert in die Kamera schaut, den zwei Brüdern in ungarischer Tracht usw. – sie alle stammen aus dem so genannten „Auschwitz-Album“ oder Album der Lilly Jacob, aufgenommen Ende Mai 1944 – kurz bevor Eva Beresins Mutter in Auschwitz angekommen ist, eine Art offizieller Leistungsbericht der Täter über den reibungslosen Ablauf ihrer Mordaktion.

Daneben steht das so genannte „Karl Höcker-Album“, das erst 2006 auftauchte und SS-Leute beim Entspannen von ihrem mörderischen Alltag zeigt – ziemlich genau zu der Zeit, als Evas Mutter in Birkenau ankam. Und – vielleicht signifikanterweise am wenigsten bekannt – die vier Fotos des jüdischen Sonderkommandos vom August 1944, die einzigen Fotos des Vernichtungsprozesses, die klandestin von den Opfern gemacht werden konnten und überliefert sind. Sie zeigen das Warten nackter Frauen im Wald vor den Gaskammern und das Verbrennen der Leichen in offenen Gruben hinter den Krematorien, weil diese überlastet waren.

Die Tatsache, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Fotos, die wir vom Verbrechen selbst haben, von den Täter stammt, macht deutlich, wie wichtig es ist, ihnen andere Bilder entgegenzusetzen, andere Bilder zu schaffen. Eva versucht aber nicht, Auschwitz in ein Bild zu fassen, sondern widmet sich in ihrer Arbeit vor allem dem Leben ihrer Mutter vor (mit den Bildern nach den Fotografien der Mutter und dem von ihr entworfenen Stoff) und nach der Befreiung (mit dem Tagebuch und den Schiwa-Hockern), umkreist Auschwitz also von zwei Seiten.

Dieser Fokus auf Vor- und Nachgeschichte rückt das individuelle Leben der Menschen, die von den Tätern unterschiedslos zu Opfern gemacht wurden, in den Blick. Er erinnert uns an die Normalität und Vielfalt des Lebens vor dem Holocaust, das weitgehend ausgelöscht wurde, ebenso wie an das Weiterleben. Vor allem das Tagebuch ihrer Mutter, das Eva lesbar gemacht und dankenswerterweise auch übersetzt hat, macht aber auch deutlich, dass mit dem Tag der „Befreiung“ natürlich keineswegs sofort ein normales Leben wiederhergestellt war. Die Heimkehr ist ein Neuanfang, aber zunächst auch eine Odyssee mit vielen weiteren Entbehrungen und Unsicherheiten, nicht zuletzt über das Schicksal verwandter und geliebter Menschen. Gerade dies ist die Geschichte, die sich vor genau 70 Jahren – 1945 – abgespielt hat und der es in diesem Jahr zu gedenken gilt. Das Tagebuch von Evas Mutter ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Zeugnis, das nun zugänglich ist.

Evas Arbeit umkreist den Holocaust, versucht ihn aber nicht in ein Bild zu fassen. Das bedeutet aber keinesfalls, dass sie anerkennt und reproduziert, was im Allgemeinen als seine Unbeschreibbarkeit und Undarstellbarkeit bezeichnet wird. Diese resultiert aus einem Ungenügen an unseren Ausdrucksmöglichkeiten für das, was – wie Hannah Arendt einmal sagte – „niemals hätte geschehen dürfen“, weil es völlig inkommensurabel ist, überhaupt nicht wiedergutgemacht, auch rechtlich nicht eingefangen werden kann. Das Entscheidende ist aber, sich an dieser Unbeschreibbarkeit und Undarstellbarkeit abzuarbeiten, ihr etwas entgegenzusetzen, das Darstellen und Benennen immer wieder neu zu versuchen. Nur so werden wir den Opfern und ihrem Leiden gerecht, sonst schrieben wir noch das Verschleierungsbedürfnis der Täter fort. Dieser Versuch, neue Bilder zu schaffen, und nicht die Bilder der Täter zu akzeptieren, scheint mir auch – neben der sehr intimen Geschichte ihrer Mutter und ihrer Familie – der Kern von Evas Arbeit zu sein.

Wenn wir uns die Geschichte von Evas Mutter nach Ende des Krieges vor Augen halten, sind die Parallelen zu dem, wovon wir derzeit ZeitzeugInnen werden, offensichtlich. Ich weiß, dass das auch Eva sehr beschäftigt. Vergleiche sind immer problematisch, aber auch stets notwendig: mit der Geschichte, um die Gegenwart zu verstehen; mit der Gegenwart, um die Geschichte zu verstehen – und sie gehen notwendigerweise nie vollständig auf, sondern hinken immer. Entscheidend dürfte allerdings sein, dass wir angesichts der Monstrosität der Geschehnisse in der Vergangenheit nicht blind werden für Unrecht, Verbrechen und Leiden in der Gegenwart.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Univ.-Prof. Mag. Dr. Dirk Rupnow
Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck
dirk.rupnow@uibk.ac.at